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Ein Investitionspaket für die Schweiz statt für die USA

14. April 2025

Die Ankündigung von Zöllen in der Höhe von 31 Prozent für Exporte in die USA war ein Schock für die Schweiz. Die mangelnde Nachvollziehbarkeit, die Absurdität der Höhe der Zölle und die damit verbundene Unsicherheit machen es schwierig, angemessen zu reagieren. Gemäss Medienberichten sollen es nun Schweizer Unternehmen mit einem milliardenschweren Investitionspaket in den USA richten. Dabei handelt es sich jedoch offenbar zumindest teilweise um Investitionen, welche sowieso in den kommenden Jahren getätigt worden wären. Denn in so kurzer Frist lassen sich kaum neue Investitionsvorhaben planen und umsetzen. Es geht deshalb den Unternehmen mit der Kommunikation ihrer Absichten vor allem darum, die Trump-Administration stärker auf die Rolle der Schweiz als Investor in den USA aufmerksam zu machen, um das Terrain für allfällige Verhandlungen zwischen den USA und der Schweiz über die Zölle vorzubereiten.

Aus ökonomischer Sicht sind hingegen zusätzliche Investitionen in den USA kaum geeignet, das vom Trump so verabscheute Handelsbilanzdefizit zu reduzieren. Im Gegenteil, höhere Investitionen könnten es vor dem Hintergrund der gut ausgelasteten Produktionskapazitäten in den USA sogar weiter erhöhen, was kaum im Sinne von Trump sein dürfte. Abbildung 1 zeigt die Situation der US-Aussenwirtschaft, basierend auf den zuletzt verfügbaren statistischen Daten des Jahres 2023. Konsum und Investitionen übersteigen die Wertschöpfung (BIP) und das Bruttonationaleinkommen (BNE), was zu einem Kapitalzufluss und einem Leistungsbilanzdefizit führt. Zwar lagen die privaten Ersparnisse mit rund 25 Prozent des BIP höher als die Investitionen (21 Prozent). Das hohe Budgetdefizit des Staates (-9 Prozent des BIP) absorbierte jedoch einen grossen Teil des Kapitalbedarfs und drückte die gesamten Ersparnisse der amerikanischen Volkswirtschaft, d.h. die Summe aus privatem Sparen und dem Saldo des Staatshaushalts, unter das Niveau der Investitionen. Der Kapitalzufluss finanzierte somit primär die rasant wachsende Staatsschuld der USA.

Abbildung 1      Leistungsbilanz der USA 2023

Ein Bild, das Text, Screenshot, Diagramm, Zahl enthält.

KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.

Datenquellen: IMF und OECD

Für kleine offene Volkswirtschaften wäre ein Zwillingsdefizit in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt mit einem erhöhten Stabilitätsrisiko verbunden. Denn ein allfälliger Vertrauensverlust in die Wirtschaftsentwicklung und den Staatshaushalt könnte zu einem raschen Kapitalabfluss und einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise führen, wie es z.B. vor einigen Jahren Griechenland erfahren musste. Für die USA als grosse Volkswirtschaft, deren Währung überdies als Leit- und Reservewährung im internationalen Handel und Kapitalverkehr dient, stellte hingegen das Zwillingsdefizit bisher keinen Grund zur Sorge dar. Das Leistungsbilanzdefizit ist mit drei Prozent des BIP relativ klein und hat sich in den letzten Jahren in der Tendenz nicht wesentlich verändert. Die Schuldpapiere der USA galten als gerne nachgefragte und sichere Anlagen. Der anhaltend hohe Kapitalzufluss war mitunter auch Ausdruck der Attraktivität der USA als Produktionsstandort.

Weder das Leistungsbilanzdefizit noch fehlende Investitionen stellten deshalb in der Vergangenheit ein Problem für die USA dar, zumal sich die amerikanische Wirtschaft in den letzten Jahren in einer guten Verfassung präsentierte. Sie ist voll ausgelastet und die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor tief. Der Zollhammer erfolgte deshalb ohne Not und wider besseres Wissen. Selbst wenn die angekündigten Zölle letztendlich nur in abgeschwächter Form oder sogar gar nicht umgesetzt werden, führen sie jedoch zu einem Vertrauensverlust in die amerikanische Wirtschaft und Regierung. Das Zwillingsdefizit der USA könnte deshalb nun plötzlich doch zu einem Problem werden.

So kamen nach der Ankündigung der hohen Zölle die Kurse der amerikanischen Staatsanleihen stark unter Druck, so dass deren Renditen rasch anstiegen. Die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung der USA hat stark zugenommen. Ein als Folge der Zölle starker Rückgang des US-Aussenhandels stellt zudem die Rolle des Dollars als internationale Leit- und Reservewährung in Frage, weshalb die Nachfrage nach Dollaranlagen und somit der Kapitalzufluss in die USA stark zurückgehen könnte. Damit würde eine wesentliche Finanzierungsquelle der US-Staatsschulden versiegen.

Es ist jedoch im Moment wenig wahrscheinlich, dass die USA in den kommenden Jahren in der Lage sein werden, ihr hohes Haushaltsdefizit substanziell zu reduzieren. Es ist eher das Gegenteil zu befürchten So hat der Kongress kürzlich die Fortführung und Ausweitung von Steuersenkungen aus der ersten Amtszeit von Trump beschlossen. Zudem sind die bisherigen, vor allem ideologisch motivierten radikalen Sparmasnahmen in gewissen Verwaltungsbereichen ein Tropfen auf dem heissen Stein. Um das hohe Budgetdefizit zu finanzieren, müssen bei fehlendem Kapitalzufluss letztendlich höhere private Ersparnisse in die Bresche springen, was unweigerlich zu höheren Zinsen und einem Rückgang von Konsum und Investitionen führen dürfte.

Die Schweiz muss deshalb, ungeachtet eines allfälligen Deals mit den USA, mit einem Rückgang der Exportnachfrage rechnen. Es wäre deshalb sinnvoller, ein Investitionspaket für die Schweiz zu schnüren statt für die USA. Die Schweiz weist seit Jahren einen Kapitalabfluss und Leistungsbilanzüberschüsse auf (vgl. Abbildung 2 für das Jahr 2023). Die privaten Ersparnisse übertreffen die Investitionen, die Staatsfinanzen sind ausgeglichen. Das sind ideale Voraussetzungen dafür, bei einem starken Rückgang der Exporte die Binnennachfrage zu stärken, allenfalls auch unter Inkaufnahme von Defiziten bei den Staatsfinanzen.

Abbildung 2      Leistungsbilanz der Schweiz 2023

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Datenquellen: IMF und OECD

Mittel- bis langfristig ist eine noch stärkere Integration in den EU-Binnenmarkt anzustreben. Denn die EU, welche in den vergangenen Jahren ebenfalls einen Kapitalabfluss und Leistungsbilanzüberschüsse auswies, sitzt im gleichen Boot wie die Schweiz. Es bietet sich deshalb an, gemeinsam den Binnenmarkt und den Produktionsstandort Europa zu stärken. Auch dürfte die Attraktivität des Euro als Reservewährung vor dem Hintergrund des Vertrauensverlusts in die USA und den Dollar steigen. Zudem herrscht in vielen EU-Staaten ein hoher Investitions- und Kapitalbedarf für die Finanzierung der Aufrüstung ihrer Armeen und der Erneuerung der Infrastruktur.

Auf der anderen Seite ist nicht damit zu rechnen, dass die wegfallenden Exporte in die USA vollumfänglich durch Ausfuhren in andere aussereuropäische Staaten kompensiert werden können. Denn die Wirtschaftsleistung und die Kaufkraft selbst der grösseren in Frage kommenden Volkswirtschaften wie Brasilien, China, Indonesien und Indien kann nicht mit jener der USA mithalten. Hinzu kommen grössere kulturelle Unterschiede und höhere Risiken bezüglich der Rechtssicherheit und der Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards. Zudem bestehen trotz Freihandelsabkommen weiterhin Handelshemmnisse, insbesondere im nicht-tarifären Bereich. Es zeigt sich somit auch im Aussenhandel: die Schweiz gehört zu Europa, ohne Wenn und Aber.